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OsZ 04/09: Punkt, Punkt, Komma, Strich

Wir wollen am Bildschirm keine Romane lesen. Trotz aller Bemühungen, uns das eBook auf das Display zu legen. Der lange Text verbindet sich nach wie vor eher mit dem Printmedium, ob als Bestseller oder als dickes Handbuch. Autorenschaft und Leselust in Onlinemedien folgen offenbar an dem Punkt eigenen Gesetzen und Kulturtechniken. Das Netz scheint eher das Medium für den kurzen Text zu sein. Onlinemedien verbinden Lesende wie Schreibende zumeist mit der kompakten Textform.

© istock.com/CreativeArchetype

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Der Hang oder der Drang zum knappen Formulieren in digitalen Netzen hat dabei ganz lebenspraktische Gründe. Das Display des Handys verträgt nun mal die SMS besser als die 119 Seiten Handbuch, die dem Gerät beim Kauf ja auch noch beiliegen. Die E-Mail lesen wir am liebsten, wenn wir nicht scrollen müssen. Foren und Blogs sind ebenso eher Formate für Texte, die auf den Punkt kommen. Im Zweifelsfall reicht der Gefühlsausbruch mit Punkt, Punkt, Komma, Strich. Auf der Plattform „twitter“ habe ich maximal 140 Zeichen (etwa zwei Textzeilen auf dem A4-Blatt), um die Frage von Freunden zu beantworten: Was machst Du? Auch die Redaktion dieses Blogs bittet immer um den prägnanten Text, und das meint dann nicht den langen.

Das Knappe an Textformaten online ist aber nicht nur technologisch bedingt. Onlinemedien sind dialogisch. Wir können bei den meisten digitalen Formaten auf mehr oder weniger rasches Feedback hoffen. Auch das verleitet nicht unbedingt zur Ausführlichkeit. Natürlich rechnen auch die Autorin und der Autor eines klassischen Buches mit der Rückmeldung des Publikums. Aber die erwarten sie nicht innerhalb von 48 Stunden nach Veröffentlichung, was aber als Etikette (oder Netiquette) bei der Reaktion auf eine E-Mail im eigenen Postkasten gilt. Ob das Buch als „lange Textbotschaft“ gegenüber dem digitalen Trend zur short message kulturgeschichtlich eines Tages im Nachteil sein wird, wie selbst auf Buchmessen befürchtet, wird sich erweisen. Papyrus jedenfalls war geduldig, und das lag vor allem an den Inhalten. Der Roman mit 700 Seiten wird aber sicher noch eine Weile ein Offlinemedium bleiben.

In jedem Fall ist das Schreiben online auch ein Lernfeld der Schule. Es verspricht, wie andere Lernbereiche, nicht alleine endlosen Spaß, sondern macht schlicht auch Arbeit. Ob nun in der kurzen oder in der langen Form eines Textes. Im digitalen Format kommen allerdings auch jene Schüler eher zu Wort, die im normalen Unterricht denken, sie hätten nichts zu sagen. Das berichten zumindest Lehrerinnen und Lehrer, die schon mit Blogs und Wikis im Unterricht arbeiten.

  • Ob SMS oder Roman – Texten ist eine Kulturtechnik. Viele Onlineformate brauchen die kurze Textform oder bauen ganz auf Bilderwelten als Mittel der Kommunikation. Verändern digitale Netze das Verhältnis von Schülerinnen und Schülern zum Text und zur Autorenschaft?
  • Digitale Netze und neue Tools lassen Lernwelten entstehen, die dem Einzelnen und der Autorengruppe auch in der Schule bessere Möglichkeiten zum Texten bieten. Wie groß ist der Aufwand, sie in der Schule einzusetzen?
  • Texten online lebt in Formaten wie Foren, Wikis oder Blogs auch aus dem Feedback der Community. Wer hält in solchen Formaten, wenn sie im Rahmen der Schule eingesetzt werden, dann letztlich die Rechte am Text?

Mehr im Blog: Originale setzen Zeichen

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